Künstler 2012 – Weltklang - Nacht der Poesie

Tomomi Adachi

Tomomi Adachi (*1972, Kanazawa, Japan) ist Soundpoet, Komponist und Performer. Seine Arbeiten sind an den Schnittstellen von Dichtung und Musik, Vokalperformance und Improvisation angesiedelt. Außerdem ist Adachi Theaterregisseur, Installations- und Videokünstler. In seinen Soundpoemen experimentiert er mit seiner Stimme, schichtet Klänge übereinander. Digitale Sounds mischen sich mit Vokalen, Konsonanten, Kratzlauten – Sprache und Musik, Körper und Klang verschmelzen. Am Ende vibriert ein Gedicht. Adachi steht sowohl in der poetischen Traditionen des Ostens als auch der des Westens. Neben seinen eigenen Werken interpretiert er u.a. Werke von Takahashi Yuji, Yuasa Joji, John Cage und Dieter Schnebel, aber auch Kurt Schwitters' Ursonate, deren Japan-Premiere er aufführte. Bei vielen von Adachis Performances kommen selbst entworfene Musikinstrumente zum Einsatz, zum Beispiel Eigenbau-Synthesizer in Tupperdosen oder sein »Infrared Sensor Shirt«, ein Hemd, mit dem die Körperbewegungen des Trägers Laut-Ereignisse produzieren. Neben Soloauftritten arbeitet Adachi häufig mit anderen Performern zusammen, darunter Yasunao Tone und Jaap Blonk. Seine Kompositionen und Performancekonzepte für Laienchöre und -ensembles bringt er nach Einstudierung in Workshops oder mit dem Ensemble Adachi Tomomi Royal Chorus – einem Punk-Chor, wie er ihn selbst nennt – zur Aufführung. Tomomi Adachi hat Philosophie und Ästhetik an der Waseda-Unviversität, Tokio, studiert, schreibt als Kritiker über bildende Kunst, Musik und Performance Art und lehrte von 2007 bis 2010 an der Tama-Kunsthochschule in Tokio. Seit 1994 ist er in aller Welt mehr als 400-mal aufgetreten. Seine Werke wurden u.a. in der Tate Modern (London), im IRCAM/Centre Pompidou (Paris), im National Museum of Art (Osaka), und im Tokyo Metropolitan Museum of Photography präsentiert. Zur Zeit ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Ken Babstock

Als er 2009 zu einem der zehn besten lebenden englischsprachigen Dichter Kanadas gekürt wurde, war Ken Babstock (*1970, Neufundland, Kanada) keine 40 Jahre alt. Mit seinem aktuellen Band, aus dem er bei Weltklang liest, ist er schon zum zweiten Mal für den Griffin Poetry Prize nominiert, den weltweit höchstdotierten Lyrikpreis.
»Hier haben wir es mit einem Dichter zu tun, der praktisch alles gestalten kann, in formaler wie thematischer Hinsicht, Liebe, Landschaft, Körper, Stadt, physischer Schmerz und die freudige Wahrnehmung sinnlicher Details einer Welt voller Wunder und Rätsel. Babstock kann prägnant sein, von abgründiger Komik, zärtlich, elegisch, weise, geheimnisvoll, doch ist er dabei stets unverbraucht und stets aufrichtig«, begründete die Jury ihre Nominierung.
Babstock wuchs als Sohn eines Pfarrers in Pembroke im Ottawa-Tal auf und befasste sich schon als Jugendlicher mit Poesie. Nach einem abgebrochenen Studium an der Concordia University, Montreal, arbeitete er zunächst zwölf Jahre lang in Irland und Kanada, in Wäldern, Fabriken und auf dem Bau.
Sein erster Gedichtband Mean erschien 1999 im renommierten House of Anansi Press, Toronto. Bis heute veröffentlicht er in diesem Verlag, in dem er inzwischen auch als Lyriklektor arbeitet. Drei weitere Bände folgten: Days into Flatspin (2001), Airstream Land Yacht (2006) und Methodist Hatchet (2011), allesamt von der kanadischen Presse hochgelobt – Babstock wurde in einem Atemzug mit W. H. Auden genannt.
Zur Zeit ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Julian Heun

Julian Heun

Julian Heun (*1989 Berlin) leitet die „Spoken Word Project Tour“ durch Deutschland und führt auch bei „Reime vom Rand der Komfortzone“ durch den Abend. In seinen Texten mischt er Mundartliches mit dichten Reimstakkati und spannt Bezugslinien von Gangsterrap zu lyrischen Klassikern.

Als Slam Poet konnte er zweimal die Berliner sowie die Deutschen Meisterschaften in den Kategorien U20 und Team gewinnen. Außerdem wurde er 2010 mit dem Kleinkunstpreis „Stuttgarter Besen“ geehrt. 2013 erschien sein Romandebüt "Strawberry Fields Berlin".

Als Gast des Goethe-Instituts war er bei Poesiefestivals in Europa, Afrika, Süd- und Nordamerika. In Berlin organisiert er monatlich mit Wolf Hogekamp den „Bastard Slam“ im Ritter Butzke wie auch die Lesebühne „Spree vom Weizen“ in der Kantine am Berghain.

Veröffentlichungen

Strawberry Fields Berlin, Rowohlt 2013

Yan Jun

Yan Jun (*1973 Lanzhou, China) ist als Dichter, Musiker, Kritiker und Betreiber des Independent-Labels KwanYin eine zentrale Figur des kulturellen Undergrounds in Peking. Seine Lesungen sind unkonventionell. Er verbindet Lyrik und elektronische Soundcollagen miteinander – das Ergebnis nennt er selbst »Hypnotic Noise« (Hypnotischer Lärm). Neben diesen Performances gibt er zunehmend auch schlichte, minimalistisch konzipierte Lesungen. Viele seiner neueren Gedichte – obschon übertragen ins Englische, Französische, Niederländische und Deutsche – konnten in China bislang aus politischen Gründen nicht erscheinen. Yan Jun, der auch ein Blog betreibt, schreibt über das Verhältnis von Poesie und Politik in China heute: »Entweder sind alle Gedichte politisch oder es gibt keine politischen Gedichte. Gedichte zu schreiben ist an sich bereits ein politischer Akt.« Die Gedichte, die er bei Weltklang vorstellen wird, sind tagebuchartig mit Kalenderdaten überschrieben, jedoch weit entfernt von behäbiger Innerlichkeit. Sie sind surreal und konkret, energisch und selbstironisch, lyrisch und politisch zugleich. Man kann in ihnen auf so unterschiedliche poetische Gegenstände treffen wie auf Maxim Gorki, John Lennon, die Internationale oder Mao Tse-tung. Yan Jun studierte Chinesisch und arbeitete als Lektor, bevor er 1999 nach Peking zog. Seit 2001 ist er Mitherausgeber der inoffiziellen Literaturzeitschrift Shu (Schreiben) und hat drei Gedichtbände veröffentlicht: Sishijiu shou (49 Gedichte, 1996), Cisheng Bo (Infraschall, 2001) und Bu Keneng (Unmöglich, 2006), darüber hinaus mehrere CDs mit Text/Ton-Kooperationen und Hörspielen.

Jessie Kleemann

Jessie Kleemann (geb. 1959, Upernavik, Grönland) ist Dichterin, Tänzerin, Video- und Performance-Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Kopenhagen. In ihren Gedichten, die erstmals 1997 in dem Band „Taallat“ erschienen, treffen Motive aus der Tradition der Inuit auf die globalisierte Gegenwart. Mystische Naturbilder kollidieren mit realen gesellschaftlichen Problemen, Meeresmütter mit Brigitte Bardot, Hundeschlitten mit Allrad-Geländewagen. So aktualisiert Kleemanns Lyrik, auf Grönländisch und Dänisch geschrieben, die Bildwelten der Eskimos für das 21. Jahrhundert. Sie sucht nach Erbe und Identität im gebrochenen Sprachmaterial der Postmoderne und schafft Texte, in denen das Schöne und das Hässliche einander nicht ausschließen.
Nach einer Ausbildung zur Lithografin studierte Jessie Kleemann von 1978 bis 1979 am Tuukkaq-Theater in Fjaltring, Jütland, und war von 1984 bis 1991 Direktorin der Kunstschule in Nuuk. Sie etablierte ein Poesiefestival in Grönland, schrieb Filmskripte und hatte eine eigene TV-Show. Für ihre provokanten Performances entwickelte sie eine auf traditionellen Masken und Riten beruhende „Körperkunst“, die ihren eigenen Körper als lebende Leinwand einsetzt. Aus ihren Gedichten, die Kleemann bei lyrikline.org eingelesen hat, schuf der Künstler Swoon (Marc Neys) eine Videopoem-Reise, die den Zuschauer in die nordischen Regionen Grönlands entführt.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Poem for video. Performance/Video 2001-2003
Taallat. Digte. Poems. Fisker & Shou 1997
Spirit Hosts Join the Elements. Performance/Video 1991-1993
Kinaasunga (Who this who am I). Performance/Video 1988-1989

Abdelwahab Meddeb

Abdelwahab Meddeb (*1946 Tunis, Tunesien) ist ein Grenzgänger, wie sie die aktuelle Literatur nur wenige kennt. Als einer der profiliertesten französischen Schriftsteller arabischer Herkunft stellt er ästhetische und gesellschaftliche Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
In seinem Werk beschäftigt Meddeb sich vorrangig mit den Wurzeln und der Geschichte des Islam, seinen Literaturen, seiner Kultur und der problematischen Integration muslimischer Traditionen in den Prozess der Moderne. Immer wieder kritisiert er demokratiefeindliche Tendenzen im Islam ebenso wie polarisierende, vereinfachende Sichtweisen des Westens. Lyrik, Romane, Essays und wissenschaftliche Texte gehen bei ihm Hand in Hand.
Meddebs Gedichte, die in einer Auswahl auch auf Deutsch erschienen sind (Ibn Arabis Grab, Wunderhorn, Heidelberg 2004, übersetzt von Hans Thill), durchschreiten weit ausholend Bildwelten, die die Landschaften Tunesiens ebenso umfassen wie die Traditionen östlicher und westlicher Literaturen und philosophische Diskussionen. Motive und Traditionen werden in langen Textbewegungen aufgerufen, verwischt und transformiert.
Meddeb stammt aus einer Familie von Theologen und Schriftgelehrten an der Zitouna-Universität in Tunis. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft war er Lektor in einem großen Pariser Verlag, bevor er bei den Editions Sindbad von 1974 bis 1988 seine eigene belletristische Reihe betreute. Seit Anfang der neunziger Jahre widmet sich Meddeb zunehmend akademischen Belangen, wurde von Universitäten und Forschungszentren in Genf, Florenz, Paris und Yale zu Gastdozenturen eingeladen.
Heute lebt er in Paris und arbeitet als Autor und Journalist, er ist Herausgeber der interkulturellen Zeitschrift dedale und Mitarbeiter der Sendung »Cultures d'islam« des Radiosenders France Culture.

Nikola Madzirov

Foto: gezett.de

Der Lyriker, Essayist und Übersetzer Nikola Madzirov (*1973 Strumica, Mazedonien) ist eine der bedeutenden Stimmen der jüngeren osteuropäischen Poesie, die weltweit Gehör gefunden hat. Schon mit seinem Debüt „Zaklučeni vo gradot“ („Eingeschlossen in der Stadt“) gelang ihm 1999 ein fulminanter literarischer Auftritt. Themen wie Heimat und Heimatlosigkeit spielen eine zentrale Rolle in seiner Lyrik. Das Heimatlose trägt er bereits im Namen, denn majir bedeutet so viel wie „Menschen ohne Heimat“. Seine Gedichte wurden bereits in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und in Monographien und Anthologien in Europa, den USA und Asien veröffentlicht.

Für seinen Gedichtband „Versetzter Stein“, der 2011 in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschien, erhielt er 2007 den Hubert Burda Preis und die wichtigste mazedonische Lyrikauszeichnung, den Brüder-Miladinov-Preis. Madzirov erhielt zahlreiche internationale Stipendien, u.a. das Stipendium des International Writing Program an der Universität von Iowa und das Stipendium Literarisches Tandem in Berlin. Er war Gast des Internationalen Hauses der Autoren in Graz, der Villa Waldberta in München und des Literarischen Colloquium Berlin.

Veröffentlichungen:

Zaklučeni vo gradot (Magor 1999)
Premesten kamen (Magor 2007)

Veröffentlichungen in deutscher Sprache:
Versetzter Stein. Gedichte  (Hanser 2011)

Michael Palmer

»Einer der wichtigsten Dichter Amerikas«, schrieb die Harvard Review über Michael Palmer (*1943, New York). Palmer ist ein vielseitiger Autor, Herausgeber und Übersetzer aus dem Französischen, Russischen und Portugiesischen, der sich auch durch genreübergreifende Projekte in den Bereichen Musik und Tanztheater einen Namen gemacht hat.
Häufig arbeitete er mit Musikern und Performern zusammen – mit Margaret Jenkins etwa führte er seit 1974 über zwölf Tanztheaterprojekte durch. Er hat aber auch mit bildenden Künstlern kooperiert, darunter u.a. mit Gerhard Richter.
Er selbst sagt in einem Interview über sein vielschichtiges, anspielungsreiches, dabei zugleich spielerisches Schreiben: »Alles, was ich tue, scheint über die Zeit eine Form der Zusammenarbeit mit den Stimmen von Dichtern und anderen zu sein, die bei meiner Arbeit durch mich hindurchgehen. Mein Ideal reiner Zusammenarbeit, das nie vollständig verwirklicht wird, schafft ein Werk, das weder einem Schöpfer noch dem anderen oder den anderen zugehört. Es ist ein Werk, das, in den Worten eines meiner Gedichte, >weder du noch ich ist<.«
Palmers erster Lyrikband erschien 1971. Seither hat er fast 20 Bücher mit Gedichten veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Er erhielt zahlreiche wichtige Preise, u.a. den America Award for Poetry, den Wallace Stevens Award der Academy of American Poets, den Shelley Memorial Prize und ein Fellowship der Guggenheim Foundation. Darüber hinaus verfasste Palmer Essays sowie Hörspiele und legte einen Prosaband vor. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Sulfur.
2012 ist endlich eine Auswahl aus seinem Gesamtwerk unter dem Titel Gegenschein (kookbooks, Übersetzung Rainer G. Schmidt) auf Deutsch erschienen. Michael Palmer liest bei Weltklang daraus Gedichte von den 1970er Jahren bis heute.

Monika Rinck

Monika Rinck (c) Ute Rinck

Monika Rinck (geb. 1969, Zweibrücken) ist Dichterin, Liedtexterin, Essayistin und Übersetzerin und lebt in Berlin. In ihrem Werk verbindet sie auf einzigartige Weise Lakonie mit Opulenz; es ist philosophisch und sinnlich, komisch und ernst zugleich. Rinck arbeitet zusammen mit anderen Dichtern, mit bildenden Künstlern und Musikern, so zum Beispiel mit den Komponisten Franz Tröger und Bo Wiget sowie den Dichterinnen Ann Cotten und Sabine Scho (als Rotten Kinck Schow). Gemeinsam mit der Lyrikerin Orsolya Kalász übersetzt sie aus dem Ungarischen (z. B. die Dichter Márió Z. Nemes und István Kemény). Rincks Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Peter-Huchel-Preis für den Band „Honigprotokolle“, dem Heimrad-Bäcker-Preis und dem Kleist-Preis. Monika Rinck ist Mitglied im PEN-Club, in der Lyrikknappschaft Schöneberg, der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
 
Veröffentlichungen (Auswahl):
Risiko und Idiotie. Streitschriften. kookbooks, Berlin 2015
Hasenhass. Eine Fibel in 47 Bildern. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2013
Honigprotokolle. kookbooks, Berlin 2012
Helle Verwirrung/Rincks Ding- und Tierleben. Gedichte. Texte unter
Zeichnungen. kookbooks, Berlin 2009
zum fernbleiben der umarmung. Gedichte. kookbooks, Berlin 2007
Ah, das Love-Ding. Essays. kookbooks, Berlin 2006
Verzückte Distanzen. Gedichte. Zu Klampen, Springe 2004