TJ DEMA: Gedichte

für das ZEBRA Poetry Film Festival übertragen 
aus dem Englischen von Norbert Lange und Susanna Mewe



KEIN HEILENDES WASSER ZU TRINKEN

Nichts wäre besser als das:
Du hier,
bei Dir die Gabe Deines Krachs,
der Hausflure und Parks
weit durcheilt.

Du hättest es geliebt,
wie Raum und Zeit erfunden sind,
den vielen Platz für Deinen Schabernack.

Ich sehne mich,
und ich hoffe, dass Du mich weinen hörst,
weil ich noch nie zuvor
so Ich gewesen bin mit Dir.

Ich nehme Wasser auf
wie ein Schiff.



TRÄUME

Träume sind böse
Ich bevorzuge Alpträume
Sie zeigen dir, was hier drin vorgeht
Reflektieren, was da draußen vorgeht

Träume lügen
Führen dich auf einen Pfad
Wo weiße Schokolade ungedämmt strömt
Und Maulbeeren ungeschüttelt von den Bäumen fallen

Nichts ist weniger treu
Weniger real
Oder unwahrer als ein Traum

Muss denn jeder wache Augenblick so schwer sein
Ich habe die schlaflosen Nächte satt
Zagenden Morgen nachjagen und warten
Nur um kaputte Sachen zu flicken
Die nicht wünschen, repariert zu werden

Ich werde nicht endlos in dieser Haut kreisen
Ich werde keine Zukunft betrauern, die ich nie hatte
Ich werde mich nicht selbst zur Ader lassen
Für eine Fast-Wirklichkeit, die in den fernen Echos wurzelt
Einer einst vertrauten Stimme
Sie singt, ich weiß, ich kann, ich weiß, dass ich kann
Weil ich weiß, ich kann
Das Mädchen sein, das ich bin in diesem Augenblick
Das Leben haben, das ich lebe in diesem Augenblick
Mich für den Traum entscheiden, in dem ich bin in diesem Augenblick

Vielleicht fällt es dann nicht mehr so schwer
Einfach zu atmen in diesem Augenblick



EINFACH SO

Weil ich weiß, du wirst fragen
wo die Blumen sind
habe ich Rosen gepflückt, die rot und fein,
ließ sie am Wegesrand als Vogelfutter.

Weil ich weiß, du wirst fragen
wo die Süßigkeiten sind
habe ich dir Halwa gemacht mit diesen Händen
den Teig verrührt und verschüttet, was deins war.

Weil ich weiß, du wirst fragen
wo ich bin,
habe ich den Ort, wo ich war, längst verlassen
und spaziere unter Bäumen

Wo dein gieriger Blick mich nicht trifft.



UNSER MANN IN GABARONE

Aus dem Kgalagadi-Park kamen wir
und fanden uns wieder
in der Gesellschaft eines Mannes,

Der Typ, der im Stehen schläft oder
echsengleich mit einem offenen Auge
darauf lauert, dass er am Leben bleibt.

Wir gingen diesen Weg schon einmal
und wussten, es gab dort keine Farmen,
meilenweit nur Akazie und Sonnenschein.

Und doch gab es diesen Mann,
speckiger Koffer in der Hand,
die Zehen gehoben, um den bloßen Sporn zu kühlen.

Einmal an den Sträuchern vorbei
und am Sand
sprach er zu uns.

Fahrt einfach weiter, sagte er.
Was immer geschieht, haltet nicht an
und blickt nicht zurück.



SCHIBBOLETH

                      Er hat nur Fichten und ich Apfelbäume.
                                     Robert Frost, »Beim Mauerflicken«

Welche Falle uns erwartet, meine ich zu wissen
Du kannst eines nicht ohne das andere haben
Angehörigkeit erzeugt Unzugehörigkeit

Und da ist vieles zur Trennung fest entschlossen
An irgendeinem Ort zwischen Körper und Blut
Bleibt etwas erhalten als guter Zaun

Oder als Farbe am Barbierwaschbecken
Das unrasierte Gesicht von meinem Vater
Über die ganzen Wochen auf See

Verschoben die Umrisse seiner Körperhaltung
Wie man ein Gesicht über kochendes Wasser beugt
Um die Krankheit aus einem rauszuschwitzen

Das ist für die im Glauben Versunkenen
Die das Seegrasgewirr mit ihrer Zunge schmecken
Die sich wunderschön erheben vom Meeresboden

Mit der Schlaflosigkeit eines gereinigten Gesichts
Die Eingetauchten in nassen weißen Gewändern am Ufer
Wenn überall sonst der Jordan fließt

Bevor wir einige oder alle acht
Hundert und achtzig aus dem Meer ziehen
Sollen sie water sagen

Runterschlucken den Schwall eines weichen r
den gedachten Buchstabengrat eines d
an Stelle des Wassers trockenem



DAS BAUMGLEICHNIS

                         Der maximale Grenzwert an CO2-Abgasen wurde
                         bereits vor 1990 überschritten
                                                          Le Monde, 7. Mai 2013

das ist kein Wald, nein,
            das ist ein Baum, und da der nächste,
wohnt ein Streifenhörnchen drin, ein Leben lang

ahnungslos, was den Planeten bekümmert
            und den Menschen und wieso
der Wald sich plötzlich am Scheideweg befindet

soll’s keine Frucht vom bedrückten Baum pflücken,
da ein anderer                                   den Baum bedrückt –

seine fruchtige Fülle                              und das Tier
hat keine Taschen                              den Mund bloß voller Nüsse

während sein Nachbar             sein Feld ist ein goldener Korb
unbekümmert herumstolziert im Wald

*

ist der Baum nur ein Baum              woher kommt dann die Luft
für den Menschen der wegsieht wenn etwas im Wald umstürzt

der seinen Atem länger anhält als der dumpfe Schlag einer gefällten Eiche

sag es dem Menschen der sein Ohr abschneidet                        als wär’s Weizen
was er heraufbeschworen hat
ist zum Ende wahr geworden



NEON-GEDICHT

Gedichte sind Quatsch
bis sie etwas beibringen.
Gedichte erfüllen keinen Zweck
bis sie vordringen
zum Publikum, dem sie geschrieben wurden,
den für sie bestimmten Ohren.

Du könntest das perfekte Liebesgedicht verfassen,
erzähl uns, wie Du sie verführt hast,
bis sie Dir erlaubte, sie anzufassen,
doch wenn sie nicht mehr weiß, wer Du bist,
dann, mein Herr, haben Deine Gedichte Dich im Stich gelassen.

Ich habe Kriegsgedichte gehört,
die versteckten sich hinter schicken Silben und Metaphern,
waren völlig entspannt bei dem Gedanken, gleich in Streit zu geraten
über die Frage, wieso sie überhaupt für etwas streiten sollten.
Einmal schrieb ich ein Hoffnungsgedicht,
eins von diesen es-wird-einmal-artigen Gedichten,
doch hat es nie gesprochen
bis unsere paar verbliebenen Wünsche zerbrachen.

Ich hab sogar Live-Gedichte gesehen,
die abwarten, bis die Zuschauer gehen,
dann sachte wie ein Lied zu summen beginnen,
um jedes Rhythmusgefühl, das sie besessen haben könnten, umzubringen.

Ich denk an ein Es-ist-zu-spät-Gedicht.
Werde es auftürmen, bis es wie ein Alluminiumschläger auf Blechdosen klingt,
laut und fürchterlich, doch könnte sein, es kommt zu spät.

Wir wollen Gedichte, schnelle,
die uns überholen können, uns auf den Kopf stellen,
uns womöglich auch zu unbekannten Orten bringen
leicht auf Sündenschwingen.

Ein Schau-mich-an-Gedicht,
das aufschreit, der Welt entgegen,
»Du kannst nicht mal Deine Meinung sagen,
doch glaubst noch immer, dass Du und Du
und wir befreit sind
von irgendwas oder jemandem.«

Jetzt alle, macht mir ein Neon-Gedicht:
schwarz, rot, weiß, gelb, violett, pink, auch lindgrün, ein Gedicht,
das ein Beispiel abgibt all den andren Möchtegerngedichten,
damit sie erwachsen werden und zu wirklichen Gedichten,
denn Gedichte sind Quatsch
bis sie etwas beibringen;
sie erfüllen keinen Zweck
bis sie vordringen
zu einem.