Gewinner des ZEBRA Poetry Film Festival 2020

Die Jury – Maren Kames, Tom Konyves und Martina Nix – hat folgende Preise vergeben:

Der ZEBRA-Preis für den besten Poesiefilm, gestiftet vom Haus für Poesie, geht an:

 
Évian (DEU 2020)
Regie: Ghayath Almadhoun
Gedicht: „Évian“ von Ghayath Almadhoun

„In der Videopoesie ist der sprachliche Aspekt (ob es sich nun um ein vorgetragenes Gedicht, ein Voice-Over oder einen eingeblendeten Text handelt) immer unvollständig; es obliegt dem Bild oder den Bildern, den Text zu vervollständigen, indem sie einen unerwarteten, aber dennoch adäquaten Kontext liefern. Wenn das Sprachliche in einem Videogedicht von ungewöhnlich hoher Qualität ist, wird die Wahl dieses unerwarteten, aber dennoch adäquaten Kontextes zu einem noch größeren Dilemma für den Künstler oder die Künstlerin.

Für sieben grandiosen Minuten verliert die Vision von einem unendlichen Meer seine Bedeutung: Es legt Zeugnis ab von einer herzzerreißenden Geschichte über den sinnlosen Tod und die Verlassenheit eines Volkes, einer Geschichte, die von mindestens zwei Generationen durchlebt wurde, einer Geschichte, die nur erzählt werden kann, wenn das Bild der (Meeres-)Tiefe die Worte des Gedichts “stützt”. Und das tut es. Wie eine visuelle Repräsentation des Unbewussten ist es ein großes Unbekanntes, das ohne Unterbrechung fließt, Welle um Welle, Gedanke um Gedanke, die Worte des Gedichts tragend, Worte wie "ein Boot mit Flüchtlingen starb an einem Herzinfarkt" und "als das erste Rettungsschiff ankam, war das Mittelmeer ertrunken/ Sie fanden das Wasser nach Luft schnappend/ die Wellen aufgeweicht" oder "In den Acht-Uhr-Nachrichten an diesem Abend, als das Wasser des Mittelmeers sanft vom Fernseher auf die Parkettfußböden der Wohnzimmer floss...".

Das ist noch nicht alles. Andere Worte jetzt. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Schmerzvolle Worte. Worte des Beweises. Alle auf dem Rücken der hypnotischen Wellen des Meeres. Das Meer ist gegenwärtig. Eine kühne, gewagte Geste. Wir verleihen den ZEBRA-Preis für den besten Poesiefilm 2020 an Évian von Ghayath Almadhoun."

Der Goethe Filmpreis, gestiftet vom Goethe-Institut, geht an:

Cos Endins / Inside the body (ITA 2019)
Regie: Eduard Escoffet und Gianluca Abbate
Gedicht: „Cos Endins / Inside the body" von Eduard Escoffet

Jurybegründung:

„Ein perfektes Zusammenspiel von Sounddesign, gesprochenem Wort und experimentellem Bild.“ In den sich wiederholenden Zeilen und der Reproduktion und Überlappung von Bildern, und einer Person, die sich im gleichbleibenden Rhythmus eines Atems vorwärts bewegt, fast mystisch wie in Trance entwickelt der Experimentalfilm einen Sog, der den Betrachter auf sich selbst zurückwirft, auf sein Inneres, seine Gedanken und seinen Körper. Eine grandiose Idee, als Kulisse, Matera, eines der ältesten Städte der Welt, mit experimenteller Bildbearbeitung und einem außergewöhnlichen Sounddesign zu kombinieren.

Der Goethe Filmpreis geht an Eduard Escoffet, Gianluca Abbate für ihren Experimentalfilm Inside the body, der den Betrachter über die Gegenwart hinweghebt und einlädt zum Nachdenken über das eigene Sein."


Der Preis für den besten Film für Toleranz, gestiftet vom Auswärtigen Amt, geht an:

A Barcode Scanner (IRQ 2019)
Regie: David Shook
Gedicht: „A Barcode Scanner” von Zêdan Xelef

Jurybegründung:

„Die poetische Stimme und das cinematographische Auge werden zu einem Medium gegen Unterdrückung, Unmenschlichkeit und Verzweiflung, indem sie schlicht und klar abscannen, was da ist, gleichmäßig und unfehlbar, wie eine zu Strichcodes kondensierte Alltagslebenserfahrung.“ Die Zuschreibung, Poesie habe eine Stimme, einen Platz im Widerstand gegen Unterdrückung, Unmenschlichkeit und Verzweiflung ist oft nicht mehr als eine Plattitüde, leicht gesagt von denjenigen, die in sichereren Gegenden der Welt leben. Sie wird noch schaler, wenn sie benutzt wird, um die Poesie selbst aufzuwerten. Als wären Literatur oder Kunst das, was es eigentlich zu verteidigen und zu schützen gilt. Was, wenn eine Stimme nicht ursprünglich beabsichtigt, wiederständig zu sein? Politisch? Enthüllend? Was, wenn sie nur darüber spricht, was direkt vor ihrem Auge liegt, und was vor ihrem Auge liegt, bleibt dasselbe, Tag ein, Tag aus, schlammige Straße, dann Zeltblock, dann schlammige Straße, und ändert sich nicht, weil die Welt guten Grund hat, die Dinge genau dort zu lassen, wo sie sind, abgestellt und einsortiert wie Produkte im Supermarkt? Dann werden die poetische Stimme und das cinematographische Auge zu einem Medium gegen Unterdrückung, Unmenschlichkeit und Verzweiflung, indem sie schlicht und klar abscannen, was da ist, gleichmäßig und unfehlbar, wie eine zu Strichcodes kondeniserte Alltagslebenserfahrung – Zeltblock, dann schlammige Straße, dann Zeltblock.

Aus dem Safe Space unserer Jury vergeben wir den Preis für den besten Film für Toleranz an A Barcode Scanner von David Shook, basierend auf dem gleichnamigen Gedicht und der Stimme von Zêdan Xelef. Danke an beide, für den Einsatz ihrer Infrarotstrahlen, die weit über einen schlichten, technischen Dekodierungsprozess hinausgehen."

Der Ritter Sport Filmpreis, gestiftet von der Alfred Ritter GmbH und Co. KG, geht an:

The Opposites Game (USA 2019)
Regie: Anna Samo und Lisa LaBracio
Gedicht: „The Opposites Game” von Brendan Constantine

Jurybegründung:

„Das 5-Minuten-Minidrama zeigt, wie ein Streit über Poesie zu Poesie wird. Im Streit aktiviert es einen wilden Strom von Bewegtbildern – im Film und in den Köpfen. Es ist wortwörtlich ein Poesiefilm.“ Es ist ein 5 Minuten Minidrama. Es zeigt, wie ein Streit über Poesie zu Poesie wird. Im Streit aktiviert es einen wilden Strom von Bewegtbildern – im Film und in den Köpfen. Es ist wortwörtlich ein Poesiefilm. Und er schafft etwas ziemlich Wundervolles: er ist spielerisch und lebendig und bunt und lustig. Er ist unterhaltsam. Er ist unverblümt kindisch. Und er ist all das, ohne dem eigentlichen Gegenstand etwas von seiner tödlichen Ernsthaftigkeit zu nehmen. Wie nebenbei unterläuft er durch all das spielerisch seinen eigenen Titel und Erzählanlass – er zeigt, dass manche Dinge im Leben über einfache Binaritäten hinauswachsen und Gegensätze meistens nicht zur Wahrheit führen. Das Gedicht ist Patricia Maisch gewidmet, einer Überlebenden des Amoklaufs in Tuscon, Arizona.

Wir vergeben den Ritter Sport Filmpreis für einen technisch, ästhetisch und literarisch ausgezeichneten Poesiefilm an The Opposites Game von Anna Samo und Lisa LaBracio, basierend auf dem gleichnamigen Text von Brendan Constantine."

Der ZEBRINO-Preis für den besten Poesiefilm für Kinder und Jugendliche geht an:

Know Snow (RUS 2020)
Regie: Maria Dubrovina
Gedicht: „Know Snow“ von Anastasia Shakhova

Das Filmprogramm für Kinder und Jugendliche wurde an Berliner Schulen gezeigt. 

Eine lobende Erwähnung erhielt:

La mujer imaginaria / The imaginary woman (COL, EST 2019)
Regie: Laura Benavides
Gedicht: „La mujer imaginaria / The imaginary woman“ von Laura B. Ramírez

Der Goethe Filmpreis zeichnet laut seinen Statuten einen Poesiefilm auch für sein innovatives Potential aus. So sehr „Innovation“ ein oft behauptetes und eingefordertes Attribut zur Beurteilung künstlerischer Werke ist, so wenig eindeutig ist damit gesagt, worin dieses „Neue“ zu bestehen hat. Weil sich die Jury des ZEBRA Poesiefilm Wettbewerbs einig ist, dass Innovation nicht auf Techniken und Formsprachen der filmischen Gestaltung reduziert werden kann und sollte, möchten wir ein Werk hervorheben, das uns durch seine im besten Sinne wildwüchsige Erzählweise nachhaltig verstört, berührt und beeindruckt hat. Ein Stück Animationskunst, das so zerbrechlich, offenporig und intim wie gewaltig und herausfordernd ist. Mit den im Film selbst salvenartig abgefeuerten Worten: broken, thick, uncertain, deviant, miracle, cynic, dark, angry, pink, dyke, queer, speechless, villain, obstinate. Für die mutige Unbändigkeit, mit der hier einer weibliche Stimme Raum gegeben wird, sich Bahn zu brechen, und den damit erbrachten Beweis, wie sich standardisierte, längst überfällige Narrative aushebeln, unterlaufen und durch lebendigere, unvorhersehbarere Erzählungen und Stimmen ablösen lassen, möchten wir Laura Benavides für ihren Film „La Mujer Imaginaria“ („The imaginary Woman“) nach dem ihm zugrunde liegenden gleichnamigen Text von Laura B. Ramírez eine lobende – und dankbare – Erwähnung aussprechen."