„Poesie ist Teil meines Lebens, seit ich ein Kind war“: Raúl Paz, das Enfant terrible Kubas, gibt sein einziges Deutschland-Konzert beim 20. poesiefestival berlin

16.05.2019

Einer der wichtigsten Singer-Songwriter Kubas, Raúl Paz, tritt auf dem 20. poesiefestival berlin (14. – 20.6.2019) auf. Das Konzert am 20.6. in der Akademie der Künste ist das einzige 2019 geplante Konzert des Musikers in Deutschland.

Raúl Paz: Das Konzert                                                  

Akademie der Künste | Studio

DO 20.6. | 21.30 Uhr

28 € (inkl. moderiertem Gespräch 18 Uhr)

Tickets: https://bit.ly/2Jdb108

Im Interview (gesamtes Interview im Anhang) mit dem Haus für Poesie zeigt sich Paz wortgewandt, lebendig, geistvoll und als großer Fan der Idee der Europäischen Union: „Dieses Symbol Europas gibt mir Hoffnung. Und schließlich schätze ich Europa auch, weil es mich liebte, als mein eigenes Land die Türen schloss.“

Raúl Paz‘ (geb. 1969) musikalisch-poetische Herkunft war zunächst sehr traditionell geprägt. So wuchs er mit dem kubanischen Punto guajiro (kurz Punto) auf, der ausgehend von Andalusien, seit dem 17. Jahrhundert Dichtkunst mit Musik verschmilzt. Im Interview erzählt Paz zudem von den „Controversias“, gereimten Diskussionen, die in Kuba Streitigkeiten zwischen Bauern schlichten. „Poesie ist Teil meines Lebens, seit ich ein Kind war. Die rationale und narrative Sprache anderer schriftlicher Formate erschien mir immer weniger unterhaltsam, ohne Freiraum für Reflexionen.“

Paz studierte, isoliert von globalen Musiktrends, an der Musikakademie in Havanna Violine, Gesang und Komposition. Eine musikalische Offenbarung waren Deep PurpleLed Zeppelin und Bob Marley, die er erst in den 90er Jahren über amerikanische Radiostationen entdeckte.

1993 verließ er für die nächsten Jahre Kuba. Seine neue Wahlheimat Frankreich bedeutete eine musikalische Kehrtwende – und den Versuch, die Traditionen mit der Moderne zu versöhnen. Raúl Paz begann, kubanische Musik mit Elementen des Hip-Hop, Dub, Chanson und Rock zu einer Fusion aus Salsa, Jazz und Elektropop weiterzuentwickeln. Seither gilt er mit seinem Stil als musikalischer Revolutionär des 21. Jahrhunderts und Vertreter der sogenannten „neuen kubanischen Musik“. Auch wenn er ausschließlich auf Spanisch singt, ist seine  musikalische Sprache kosmopolitisch. Dieser Ansatz enthält auch einen Auftrag: „Heute gibt es eine junge Generation in Kuba, die langsam die große musikalische Kraft, die wir einst waren, wiederbelebt. Dafür ist es notwendig, Türen und Fenster weit zu öffnen, Pfade zu betreten, die fast vergessen sind.“

Der internationale Durchbruch gelang Paz mit dem 2003 erschienen Album Mulata. „Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte wegen ihrer Fantasie, ihres Enthusiasmus, ihrer Weltoffenheit und ihrer Kultur, wenn auch nicht so sehr im Winter. In Deutschland habe ich das Album aufgenommen und produziert, das ich am meisten schätze –  Mulata.“

Raúl Paz‘ Arbeit ist vielseitig und kreativ: Er schrieb Songs für Viktor Lazlo, Bühnenmusik für Tanz und Theater, Soundtracks (u.a. für den Film Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit, 1998) und  vieles mehr. Paz gründete zusammen mit zwei Kollegen die international erfolgreiche kubanische Band „Orishas“ und teilte bereits die Bühne mit Celia Cruz, Marc Anthony und Rubén Blades.

Sein aktuelles Album Vidas (2018) ist eine Reflexion über die Zeit, die Launen, die Distanz, Freundschaft und die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe. Das Album bildet den Soundtrack der kubanischen Telenovela „Vidas“. Beim Konzert spielt er aktuelle Songs und ein Best-of seines gesamten Werkes.


 

5 Fragen an Raúl Paz

Sie schreiben Songs seit Ihrem zehnten Lebensjahr.

Wovon lassen Sie sich inspirieren und was braucht ein guter Song?

Wenn ich es genau wüsste, hätte ich vielleicht mehr Geld und Erfolg ... Vielleicht ist das, was ein gutes Lied ausmacht, der Ort, an den es uns führt, wohin es uns in aller Naivität und Leichtigkeit trägt. Ein gutes Lied ist das Geheimnis eines guten Gesprächs, eines guten Tags, einer guten Zeit, die man einmal erlebt hat und für immer bewahrt.

Nun treten Sie auf dem 20. poesiefestival berlin als musikalischer Haupt-Act auf. Was bedeutet Ihnen Poesie?

Poesie ist Teil meines Lebens, seit ich ein Kind war. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Streitigkeiten zwischen Bauern in Form von Controversias, also gereimten Diskussionen, ähnlich einem Battle, beigelegt wurden. Meine ersten Bücher waren Gedichtsammlungen und meine ersten eigenen Texte Verse. Meine Lieder betrachte ich nicht als Poesie, aber sie haben dieselben Wurzeln. Die rationale und narrative Sprache anderer schriftlicher Formate erschien mir immer weniger unterhaltsam, ohne Freiraum für Reflexionen. Andererseits habe ich gerade selbst ein Buch mit Kurzgeschichten beendet, das von meinen eigenen Songs inspiriert wurde.

Ihr Name steht wie kein anderer für die neue kubanische Welle – welche Idee von Kuba möchten Sie mit Ihrem Werk vermitteln?

Obwohl es naiv oder widersprüchlich erscheinen mag, möchte ich mit meiner Musik die Freiheit vermitteln, kreativ zu sein und als Mensch und Künstler zu existieren, ohne auf politische, gesellschaftliche oder traditionelle Muster reagieren zu müssen. Ich denke, dass Kuba trotz seiner historischen Widersprüche zum Besseren oder Schlechteren eine besondere Freiheit erhalten hat.

In den Jahren nach der Revolution wurde die Musik in einer nicht-revolutionären Schwebe gehalten und seit den 80ern war die Szene so isoliert von der Welt, dass sie sich nur noch um sich selbst drehte. In den 90er Jahren wurden wir von einer langweiligen Nostalgiewelle überschwemmt, die der Massentourismus mit sich brachte.

Heute gibt es eine junge Generation in Kuba, die langsam die große musikalische Kraft, die wir einst waren, wiederbelebt. Dafür ist es notwendig, Türen und Fenster weit zu öffnen, Pfade zu betreten, die fast vergessen sind. Wir haben die gleiche gestalterische Freiheit der Generation von Buena Vista. Ohne das Unnachahmliche imitieren zu müssen, schaffen wir Klänge, Sprachen, Wege, Tänze, Mode, neue Geschichten … Ich bin Teil dieser Bewegung, aber ich bin nicht der einzige.

Lange Zeit lebten Sie in Frankreich und es heißt, Sie schätzen Europa sehr – wofür am meisten?

Wegen des Symbols der europäischen Union. Die Idee ist heute verwirklicht, obwohl sie mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, und sie ist eines der besten Dinge, die der Mensch heute tun kann. Dieses Symbol Europas gibt mir Hoffnung. Und schließlich schätze ich Europa auch, weil es mich liebte, als mein eigenes Land die Türen schloss.

Nach zehn Jahren treten Sie im Juni erstmals wieder in Berlin auf.

Gibt es etwas, was Sie mit Deutschland oder speziell Berlin verbinden?

Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte wegen ihrer Fantasie, ihres Enthusiasmus, ihrer Weltoffenheit und ihrer Kultur, wenn auch nicht so sehr im Winter. In Deutschland habe ich das Album aufgenommen und produziert, das ich am meisten schätze –  Mulata.


Andere über Raúl Paz

In der Fremde entwickeln Musiker entweder eine verklärte Sicht auf die Musik ihrer Heimat, oder sie bekommen einen ganz neuen Blick auf die eigenen „Roots“. Letzteres trifft auf den Kubaner Raúl Paz zu. Zwar fühlt sich Paz seinen kubanischen Wurzeln immer noch stark verbunden, aber auch seine Zeit in Paris und seine Konzertreisen durch die USA und anderswohin haben ihn stark beeinflusst.

Wolfgang Meyering

„Havanization“ beschreibt den Prozess der Wiedereingewöhnung in die „neue“ alte Heimat – musikalisch so vielfältig wie nie. Kein Wunder: Man vermisst immer, was man gerade nicht hat. 

Martin Risel

Schon die Existenz, die Vervielfältigung und die Verbreitung dieser Musik stellen experimentelle Handlungen dar. Dass die Kubaner selbst diese durch transnational situierte Künstler realisierte, transformative politische Haltung erkennen, zeigt sich in deren Bereitschaft, MusikerInnen scheinbar grundverschiedener Stilrichtungen – von Raúl Paz bis zu David Torrens, Telmary Diaz, Kelvis Ochoa und Interaktivo – aufgrund ihrer gemeinsamen, „alternativen“ Ästhetik einer Gruppe zuzuordnen. Bei dieser Kategorisierung werden national-orientierte Bands wie Buena Fe nicht berücksichtigt, selbst wenn der Sound dieser MusikerInnen einiges mit dem der transnationalen KünstlerInnen gemein haben könnte.

Susan Thomas

 

Das 20. poesiefestival berlin ist ein Projekt des Hauses für Poesie in Kooperation mit der Akademie der Künste. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und des Auswärtigen Amts, mit freundlicher Unterstützung durch Maritim proArte Hotel Berlin. Präsentiert von taz, BÜCHERmagazin, tip Berlin, ASK HELMUT und Deutschlandfunk Kultur.

Das Poesiegespräch:Raúl Paz – Ein Stück von dir wird freundlich unterstützt durch das Auswärtige Amt, das Instituto Cervantes Berlin und ECHOO Konferenzdolmetschen.

 

14.–20.6.2019

20. poesiefestival berlin: Endlich Zeit für Sprache

Akademie der Künste

Hanseatenweg 10

10557 Berlin

 

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