22. poesiefestival berlin: Europäische Vielsprachigkeit im Fokus

26.05.2021

Unter dem Motto Da liegt Europa untersucht das 22. poesiefestival berlin vom 11. bis zum 17. Juni 2021 die Poesie Europas in ihrer Formen- und Sprachenvielfalt und baut trotz Pandemie poetische Brücken über den Kontinent. Das Festival nimmt dabei besonders die Vielsprachigkeit Europas, Regional- und Minderheitensprachen, Mehrsprachigkeit und die Ambivalenz zwischen Sprachen und Sprachenpolitik in den Blick.

Im FORUM: Europas Vielfalt hat keine Haut wird der Sprachenreichtum Europas als Ausgangspunkt genommen, um sich der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Realität des Kontinents von sprachlicher Seite zu nähern. Der türkische Journalist Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, wird einen Vortrag zur europäischen Multikulturalität und -sprachlichkeit halten. Zur anschließenden Diskussion über Ambivalenz und politische Dimension von Vielsprachigkeit sind VertreterInnen der Generaldirektionen der Europäischen Kommission für Übersetzung bzw. Bildung und Kultur sowie der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant und Autor Zoltán Danyi geladen. Im Anschluss lesen DichterInnen ‚kleiner‘ Sprachen ihre Lyrik und sprechen über das Verhältnis ihrer Sprache zu den ‚großen‘ Sprachen. 

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Spracharchipelen Europas: Die Vielsprachigkeiten fünf europäischer Räume – Spanien, Post-Jugoslawien, das Baltikum, Rumänien und das Kaspische Meer – werden hinsichtlich Sprachenpolitik und -nationalismus, Identität und Dichtungstradition in fünf Veranstaltungen in den Fokus gerückt.

Zur thematischen Vertiefung sind schriftliche Interviews mit den AutorInnen in Originalsprache und deutscher Übersetzung ab dem 1. Juni online abrufbar auf der Festivalwebsite. Darin sprechen die AutorInnen tiefergehend über Fragen sprachlicher Identität, Herausforderungen und Chancen von Mehrsprachigkeit und die Sprachenpolitik in ihren Ländern:

Senka Marić (BIH) beschreibt im Interview die sprachliche Situation in den postjugoslawischen Staaten so: „Da es sich hier nach meiner festen Überzeugung um ein und denselben Kulturraum handelt, gewinnt durch das Hervorheben der Gemeinsamkeiten auch die Literatur an Bedeutung: Sie zeugt von der poetologischen Vielfalt eines größeren Kulturraums, einer größeren Sprache und einer größeren Literatur.“

Der lettische Dichter Sergej Timofejev über das Verhältnis der ‚kleinen‘ baltischen Sprachen zum Russischen: „Es geht darum, Lettisch, Litauisch und Estnisch zu bewahren und weiterzuentwickeln, weshalb das Publikum für solche Prozesse sehr empfänglich ist. Russisch ist hier einerseits die Sprache der größten Minderheit, andererseits die Sprache eines riesigen und nicht sehr berechenbaren Nachbarn mit eigenen politischen Interessen. Für uns als Autoren, die auf Russisch schreiben, ist der wesentliche Punkt, dass Kultur hier auch in dieser Sprache stattfinden kann, sie ist nicht nur die Sprache der Straße oder des ‚Kaufens und Verkaufens‘.“

Aleksandr Skidan (RUS) fasst im Interview sein europäisches Verständnis folgendermaßen zusammen: „Für mich ist Europa eher durch seinen historischen und kulturellen Kontext definiert, aus dem ein politischer Kontext (Kants Idee eines ewigen Friedens, zum Beispiel) nicht herausgenommen werden kann. Und bestimmend für die Definition von ‚Europäertum‘ würde ich die Idee oder die Figur des Anderen nennen, die Möglichkeit, das Andere (auch über das Europäische hinaus) zu denken, sich vorzustellen und ihm gegenüber offen zu sein.“

Alle Interviews und Essays sind kostenlos abrufbar auf poesiefestival.org

 

SA 12.6. | ab 14.00

FORUM: EUROPAS VIELFALT HAT KEINE HAUT

14.00

Multikulturelles Europa. Herausforderungen und Chancen

Can Dündar (TUR/DEU), ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, wirft in seinem Vortrag aus der Position türkischer Nachbarschaft und der Innensicht des in Europa Exilierten einen Blick auf Europas (Sprachen-) Vielfalt.

16.00

Vielerlei Volk in vielerlei Sprachen. Diagnosen zu Europas Zungen

Kristina Cunningham (SWE) aus der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission, Levke King-Elsner, Referatsleiterin in der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission (DEU), der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant (DEU) und Autor Zoltán Danyi (SRB) sprechen mit Moderator Asmus Trautsch (DEU) über Ambivalenzen des Sprachenreichtums, seine gesellschaftlichen und politischen Dimensionen sowie Übersetzungsaufgaben für die EU.

18.00

Feine Pfade im Sprachengarten

Die DichterInnen Roberta Dapunt (ITA), Aurélia Lassaque (FRA), Nikola Madzirov (MKD), Johan Sandberg McGuinne (SWE) und Elan Grug Muse (GBR) bringen ihre Lyrik und essayistischen Sprachportraits auf Ladinisch, Okzitanisch, Mazedonisch, Süd-Samisch, Walisisch zu Gehör und tauschen sich über Minderheitensprachen und ihr Verhältnis zu ‚großen‘ Sprachen in der Poesie aus.

 

SO 13.6. – DO 17.6. | jeweils 18.00

SPRACHARCHIPELE I–V

SO 13.6. | 18.00

SPRACHARCHIPEL I: EX-YU – Unsere Sprache(n)

Sind Bosnisch, Montenegrinisch, Kroatisch und Serbisch letztlich Varianten einer ‚gemeinsamen‘ Sprache oder doch eigenständig? Endet ein Sprachraum an den Staatsgrenzen? Was sind die Folgen, wenn Nationalismen eine Sprache spalten? Darüber diskutieren die DichterInnen Senka Marić (BIH), Ivana Bodrožić (HRV), Kralj Čačka (SRB) und Dejan Ilić (SRB) gemeinsam mit Moderatorin Mascha Dabić (AUT).

MO 14.6. | 18.00

SPRACHARCHIPEL II: Sprachenlust und Sprachenkampf in Spanien

Kastilisches Spanisch, Katalanisch, Asturisch, Baskisch, Galicisch: Die DichterInnen María Callís Cabrera (Katalonien/ESP), Sofía Castañón (Asturien/ESP), Olvido García Valdés (Kastilien/ESP), Teresa Irastortza (Baskenland/ESP) und Chus Pato (Galicien/ESP) diskutieren mit Moderatorin Cecilia Dreymüller (DEU) die historisch gegebene und heute politisch instrumentalisierte Mehrsprachigkeit in Spanien in ihrer Bedeutung für die Dichtung und den zentralspanischen Literaturbetrieb.

DI 15.6. | 18.00

SPRACHARCHIPEL III: Minderheiten, Sprachen und Repräsentationen in Rumänien

Die DichterInnen Radu Vancu (ROU), Claudiu Komartin (ROU) und Teodora Coman (ROU) gehen mit Moderator Ernest Wichner (ROU/DEU) der Frage nach, wie es um die Minderheitensprachen in Rumänien vor und nach 1990 bestellt ist, im Tauziehen zwischen Sprachnationalismus und der Dekonstruktion des Nationalen.

MI 16.6. | 18.00

SPRACHARCHIPEL IV: Kaspisches Meer – Ist das noch Europa?

Europa als Kulturraum gedacht: Die kaspischen Regionen sind auch durch islamische europäische Dichtungstraditionen beeinflusst: Die DichterInnen Shamshad Abdullaev (UZB), Egana Djabbarova (RUS/AZE), Nicat Mammadov (AZE) und Kanat Omar (KAZ) führen mit Moderator Hendrik Jackson (DEU) ein Gespräch über Neo-Orientalismus, Selbst-Exotisierung, topographische Sackgassen und queere islamische Poesie.

DO 17.6. | 18.00

SPRACHARCHIPEL V: Dichtung und kulturelle Selbstwahrnehmung im Baltikum

Gibt es eine spezifische ‚baltische Identität‘? Welche Einflüsse prägen Dichtung und kulturelle Selbstwahrnehmung in Lettland, Litauen, Estland und Russland? Die DichterInnen Vaiva Grainyté (LTU), Maarja Kangro (EST), Aleksandr Skidan (RUS) und Sergej Timofejev (LVA) nehmen gemeinsam mit Moderatorin Marie Luise Knott (DEU) die Literaturen und ihre Sprachen in den Blick.

 

FR 11.6.– DO 17.6.2021

22. poesiefestival berlin: Da liegt Europa

online auf poesiefestival.org

 

Tickets: 3€, Festivalpass: 19€

Die Preise der Angebote der Poetischen Bildung können abweichen.

PressevertreterInnen bitten wir, sich unter presse@haus-fuer-poesie.org zu akkreditieren.

 

Jeden Sommer verwandelt sich Berlin für zehn Tage in eine Hochburg der Poesie. 150 DichterInnen und KünstlerInnen aus aller Welt kommen zum poesiefestival berlin und präsentieren aktuelle Tendenzen zeitgenössischer Dichtkunst. Das Festival macht Poesie in ihrer ganzen Formenvielfalt erlebbar und zählt bis zu 13.000 BesucherInnen jedes Jahr. Wie schon 2020 findet auch in diesem Jahr das Festival online statt.

Das 22. poesiefestival berlin ist ein Projekt des Hauses für Poesie in Kooperation mit der Akademie der Künste. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und des Auswärtigen Amts. Mit freundlicher Unterstützung durch die Alfred Ritter GmbH & Co. KG und das Goethe-Institut. Präsentiert von Der Freitag, taz, BÜCHERmagazin, tip Berlin/ EXBERLINER, rbbKultur, Deutschlandfunk Kultur, ASK HELMUT und SINN UND FORM.