Weltklang - Nacht der Poesie

John Burnside

John Burnside c_Lucas Burnside

John Burnside (geb. 1955 in Dunfermline, Schottland) – sein reiches und vielfach preisgekröntes Werk besteht aus Gedichtbänden, Romanen und autobiografischer Prosa. Er studierte Sprachen in Cambridge und lebt seit 1996 als freier Schriftsteller im schottischen Five.
Burnside ist neben Seamus Heaney einer der bedeutendsten englischsprachigen Autoren der letzten 50 Jahre. In seinen Texten fängt er auf einzigartige Weise „das Andersleben der Dinge ein“. Auf seine Gedichte trifft das zu, was er selbst über den Gesang der Amsel sagt: „Sie sind mehr Dotter als lackierte Schale, mehr Frucht als Stein.“ Sprachgewaltig wird in ihnen das „große Spektakel des Realen“ inszeniert. Sie folgen dem Flug von Fleckenkäuzen, die in Hecken nach Käfern jagen, beschreiben das metallische Rauchgrau des Himmels und die Membranen gestrandeter Quallen. Es sind weltzugewandte Texte, die sich mit ihren Bienenmythen und Jagdszenen dem Hier und Jetzt verpflichtet fühlen. Kein Detail entgeht dem Blick dieses Dichters, seien es die Regentropfen am Fenster eines Fischladens oder die Sommersprossen auf dem Rücken einer schielenden Scholle.

Veröffentlichungen:
Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte. Carl Hanser Verlag 2016
Haus der Stummen. Knaus Verlag 2014
Versuch über das Licht. Carl Hanser Verlag 2011
Glister. Knaus Verlag 2009
Lügen über meinen Vater. Knaus Verlag 2011
Die Spur des Teufels. Knaus Verlag 2008

Yasuki Fukushima

Yasuki Fukushima c_Tamiko Nishimura

Yasuki Fukushima (geb. 1943 in Tokio) ist einer der expressivsten Gegenwartslyriker Japans. Er schreibt Tankas, eine 1300 Jahre alte Gedichtform, die streng aus 31 Silben besteht. Fukushima spielte eine tragende Rolle in der Modernisierung des Tankas in den 1960er Jahren, als er damit begann, über aktuelle Themen zu schreiben, etwa über die Studentenbewegung, in der er in involviert war.
Aus den sechziger und siebziger Jahren stammen sowohl Fukushimas gesellschaftliches Engagement als auch seine experimentellen Auftrittsformen. Die von ihm so genannten „zekkyō tanka“ (geschriene Tankas) trägt er meist zu Musikbegleitung vor, laut und leidenschaftlich. In seinen Auftritten nimmt er spontane Änderungen in der Abfolge der Texte vor und kreiert immer neue Verbindungen zwischen einzelnen Gedichten, ob klanglich, motivisch oder emotional. Darüber hinaus setzt Fukushima seine Gedichte in den Dialog zu Texten anderer Autoren, verwischt im Vortrag die Grenzen zwischen den Kunstgattungen, aber auch zwischen Eigenem und Fremdem. Seine Performances sind wie Jazz: ein freies Spiel zwischen Themen, Stimmen, Variationen. Keine zwei seiner Auftritte gleichen einander.
Yasuki Fukushima hat tausende Tankas geschrieben, über 30 Gedichtbände veröffentlicht, darüber hinaus Essays, CDs und DVDs. Neben seiner künstlerischen Arbeit ist Fukushima seit Jahrzehnten in Tokio als buddhistischer Priester tätig.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Zenkashū (Werke in 3 Bänden). Kawade Shobō Shinsha 1999
Tanka screaming (Japanisch). Bird's shadow. 2005

Arnon Grünberg

Arnon Grünberg c_Keukelaar

Arnon Grünberg (geb. 1971 in Amsterdam), Romancier, Dramatiker und Essayist, ist seit dem Erscheinen seines Prosadebüts „Blauer Montag“ (Diogenes 1997) ein international gefeierter Autor. Sein in mehr als zwanzig Sprachen übersetztes Werk   vierzehn Romane liegen in deutscher Sprache vor   wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem renommierten niederländischen AKO-Literaturpreis. Unter dem Pseudonym Marek van der Jagt hat Grünberg die Romane „Amour Fou“ (Diogenes 2002) und „Monogram“ (Diogenes 2003) geschrieben. Außerdem ist er Blogger und Verfasser einer täglichen Kolumne für die niederländische Zeitung de Volkskrant. Grünberg lebt und arbeitet seit 1995 in New York.

www.arnongrunberg.com

Veröffentlichungen (Auswahl):
Muttermale. Kiepenheuer & Witsch 2016
Der Mann, der nie krank war. Kiepenheuer & Witsch 2014
Der jüdische Messias. Diogenes 2012
Der Heilige des Unmöglichen. Diogenes 2007
Gnadenfrist. Diogenes 2006
Der Vogel ist krank. Diogenes 2005
Phantomschmerz. Diogenes 2003
Statisten. Diogenes 1999
Blauer Montag. Diogenes 1997

Mila Haugová

Mila Haugová c_David Koronczy

Mila Haugová (geb. 1942 in Budapest) lebt heute in Bratislava und Levice. Ihre Lyrik ist immer anspielungsreich. Natur, Erotik, Erinnerung und Verlust werden untrennbar miteinander verwoben: Gedichte wie „halb- / durchlässige membrane“, fragil und kraftvoll zugleich. Zwischen den Zeilen ihrer Texte stecken Bezüge auf Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, Friederike Mayröcker, Paul Celan oder Georg Trakl.
Die zweisprachig aufgewachsene Tochter einer Ungarin und eines Slowaken war eine der ersten Autorinnen, die in den achtziger Jahren in der Tschechoslowakei mit feministischen Gedichten aufhorchen ließ und Anstoß erregte.
Haugovás Vater, ein Diplomlandwirt, wurde als sogenannter Klassenfeind inhaftiert, wodurch der Autorin ein Studium der slowakischen Sprache und Literatur und der Germanistik verwehrt war. Von 1959 bis 1964 studierte sie stattdessen Landwirtschaft, danach arbeitete sie als Agronomin, später als Lehrerin. 1968 emigrierte sie nach Kanada und kehrte nach einem Jahr zurück. 1986 bis 1996 arbeitete Haugová in der Redaktion der Literaturzeitschrift Romboid.
Anfang der siebziger Jahre begann Haugová eigene Gedichte zu schreiben, die sie erstmals 1980 unter dem Pseudonym Mila Srnková publizierte. Als ihr eigentliches Debüt betrachtet sie den Gedichtband „Premenlivý povrch“ (Veränderliche Oberfläche, 1983). Der Durchbruch gelang ihr mit „Èisté dni“ (Reine Tage, 1990). Seither sind fast 20 Gedichtbände auf Slowakisch erschienen, ins Englische, Französische, Polnische, Russische und Deutsche übersetzt, sowie Haugovás eigene Übersetzungen aus dem Deutschen, Englischen und Ungarischen.

Veröffentlichungen (auf Deutsch):
Schlaflied wilder Tiere. Aus dem Slowakischen von Anja Utler und der Autorin. Edition Korrespondenzen, Wien 2011
Körperarchive. Aus dem Slowakischen von Slávka Porubská. Edition Erata, Leipzig 2006
Sandatlas. Aus dem Slowakischen von Angela Repka. Edition Korrespondenzen, Wien 2001
Das innere Gesicht. Aus dem Slowakischen von Zdenka Becker. Edition Thanhäuser, Ottensheim an der Donau 1999
Kahlfrieren. Aus dem Slowakischen von Ursula Macht. BONsai-typART, Berlin 1998

Dagmara Kraus

Dagmara Kraus c_Katja Zimmermann

Dagmara Kraus (geb. 1981 in Wrocław, Polen) ihre Gedichte sind eine „vokabelfrohe Mischung aus Sprachfetischen, Wortüberdrehtheiten und Einspeisungen aus entlegenen Begriffs- und Namensarchiven“ (Michael Lentz). In ihren Texten schöpft Kraus aus dem reichen Fundus antiker Trauerkultur und moderner Plansprachen. Sie übersetzt homophon und collagierend aus einem alten Französisch-Lehrbuch und anagrammiert kunstvoll-subversiv Gedichte von Christine Lavant oder Stefan George. Dabei entsteht ein „Unsinn“ von einer sprachlichen Zartheit, dass der Leser davon betört wird. Er wird Zeuge, wie die Kuckuckssau unter den Pantoffel gerät, wie die Ranunkel in die Schmiere getunkt wird und der Tod, der eine Sporenkapuze trägt, seine Abführlimo verliert. Der große Lyriker Oskar Pastior sagte: „Einzig wer kraus marmiert, ist wahr dabei.“
Dagmara Kraus hat Komparatistik und Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris studiert sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. Seit 2008 veröffentlicht sie Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, unter anderem in Edit, Neue Rundschau, Jahrbuch der Lyrik und in „freie radikale lyric“ (luxbooks 2010); später auch Übersetzungen aus dem Polnischen. Ihr Debütband „kummerang“ erschien 2012 bei kookbooks.

Veröffentlichungen:
wehbuch (undichte prosage). roughbooks 2016
mot schlich mit geknickter schnute. kookbooks 2015
revolvers für flubis. SuKulKTuR 2013
kleine grammaturgie. roughbooks 2013
kummerang. kookbooks 2012

Auszeichnungen (Auswahl):
Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis 2016
Förderpreis für Literatur der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit 2010
Prosanova-Publikumspreis 2008


M. NourbeSe Philip

M. NourbeSe Philip c_privat

M. NourbeSe Philip (geb. 1947 in Moriah, Trinidad und Tobago) ist Anwältin und Autorin. Sie schreibt Gedichte, Romane, Theaterstücke und Essays, in denen sie sich immer wieder kritisch mit Rassismus und Sexismus auseinandersetzt. Größere Bekanntheit erlangte Philip mit ihrem dritten Gedichtband „She Tries Her Tongue, Her Silence Softly Breaks“, der von der Kritik gefeiert wurde als eine „lingustische und feministische Odyssee“ (Phil Hall, Books in Canada). Ihr jüngster Band „Zong!“ (2008) ist ein Meisterstück der Appropriation Art. Das Langpoem schöpft einzig aus dem Wortmaterial eines juristischen Berichts aus dem 18. Jahrhundert, der den gewaltsamen Tod von 150 Afrikanerinnen und Afrikanern auf einem Sklavenschiff behandelt. Philip zerlegt den Text, staucht ihn und tilgt einzelne Wörter. Es entsteht eine Sprache, die grunzt und ächzt, stöhnt und stottert. Das musikalische Kompositionsprinzip, das „Zong!“ zugrunde liegt, oszilliert zwischen der polyphonen Struktur einer Fuge und den expressiven Rhythmen des afro-amerikanischen Tanzes Krumping. M. NourbeSe Philip lebt und arbeitet in Kanada.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Zong!. Wesleyan Poetry 2008
She Tries Her Tongue. Her Silence Softly Breaks. Gynergy Books/Ragweed Pr 1989
Salmon Courage. Williams Wallace Inc. 1983
Thorns. Williams Wallace Inc. 1980

Sergio Raimondi

Sergio Raimondi c_Timo Berger

Sergio Raimondi (geb. 1968 in Bahía Blanca, Argentinien) ist der Lyriker der globalisierten Welt und gleichzeitig ihr radikaler Kritiker. Seine Dichtkunst ist wie ein „Muskel, der abstrahieren kann“. In nur wenigen Versen vermag er es, die Grundsatzfragen der politischen Ökonomie auf eine Scheibe Kastenbrot runterzubrechen. Dabei beziehen seine Texte ihre Kraft aus einer verwinkelten Syntax, die mit bezwingender Logik auf eine unauslotbare Pointe zuläuft.
Mit „Poesía Civil“, seinem Debüt aus dem Jahr 2001, hat Raimondi die Literatur seines Landes erneuert. Es ist ein Werk, „das in absolutem Kontakt mit der Realität steht, aber gleichzeitig die Sprache unserer Zeit reinwäscht“ (Arturo Carrera). Sein zweiter Gedichtband, ein ewiges work-in-progress, ist ein enzyklopädisches Unternehmen mit dem Titel „Für ein kommentiertes Wörterbuch“. Eine Auswahl ist 2012 im Berenberg Verlag erschienen. Die ganze Welt findet Eingang in dieses Buch: Sei es der Einsatz von dreifach angereichertem Uran, Industriemelanismus bei Birkenspannern oder der Einfluss von Schwerwasserfabriken auf den Nestbau von Blaureihern.

Veröffentlichungen:
Für ein kommentiertes Wörterbuch. Berenberg Verlag 2012
Zivilpoesie. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005
Poesía civil. Vox 2001

Charlotte Van den Broeck

Charlotte Van den Broeck c_Koen Broos

Charlotte Van den Broeck (geb. 1991 in Turnhout, Belgien) ist eine flämische Dichterin, deren Wurzeln im Spoken Word liegen. Mit ihren zwei Gedichtbänden wurde sie in ihrem Land zu einem Lyrik-Shootingstar. Ihr Band „Kameleon“ wurde 2015 mit dem flämischen Herman-de-Coninck-Preis als bestes Debüt des Jahres ausgezeichnet.
Charlotte Van den Broeck erzählt in ihren Gedichten von familiären, häuslichen Szenen, von Dingen, die über die Ränder fallen, von Hello-Kitty-BHs und Nachmittagen in Relieflettern. Das Ganze mit einer „Leichtigkeit, die sich sträubt. / Als sei alles nur eine Murmelbahn“, wie es in ihrem Gedicht „Växjö“ heißt. Für viel Aufsehen sorgte 2016 ihr gemeinsamer Auftritt mit Arnon Grünberg zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Sie trugen den dialogisch komponierten Text „Ohne Nabel“ vor, in dem sie sich über Heimat, Herkunft und Identität austauschen

Veröffentlichungen:
Nachtroer. Singel Uitgeverijen 2016
Kameleon. Singel Uitgeverijen 2015

Jan Wagner

Jan Wagner c_gezett

Jan Wagner (geb. 1971 in Hamburg) verschmilzt höchste Formbeherrschung mit überraschenden poetischen Bildern, ohne je traditionalistisch zu sein. Kaum ein Dichter seiner Generation spielt so virtuos mit der lyrischen Tradition von der Antike bis vorgestern in einem so unverwechselbaren Ton. Er verhilft dem Rettich zu einem Auftritt im Gedicht, aber auch Mücken als Sphinxleibern oder einem Biker in der Weite Montanas.
Wagner studierte Anglistik in Hamburg, später am Trinity College in Dublin, bevor er 1995 nach Berlin zog, wo er seither lebt. Parallel zum Studium widmete er sich verstärkt der Arbeit an der internationalen Literaturschachtel „Die Außenseite des Elements“, die er bis 2003 mit Thomas Girst herausgab. Gemeinsam mit Björn Kuhligk gab er 2003 im DuMont Buchverlag die Anthologie „Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen“ heraus, die den Auftakt einer Reihe von einflussreichen Sammlungen junger deutschsprachiger Lyrik bildete.
Neben eigenen Gedichten, Essays und Kritiken übersetzt Wagner seit den neunziger Jahren englischsprachige Dichtung, unter anderem von Charles Simic, James Tate, Matthew Sweeney, Simon Armitage, Robin Robertson, Michael Hamburger und Dan Chiasson. Wagners Gedichte wurden in über dreißig Sprachen übersetzt. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt Wagner 2015 als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Der verschlossene Raum. Beiläufige Prosa. Hanser Berlin, Berlin 2017
Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001–2015. Hanser Berlin, Berlin 2016
Regentonnenvariationen. Gedichte. Hanser Berlin, Berlin 2014
Die Sandale des Propheten. Essays. Berlin Verlag, Berlin 2011
Australien. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2010
Achtzehn Pasteten. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2007
Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004
Probebohrung im Himmel. Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2001

Auszeichnungen (Auswahl):
Samuel-Bogumil-Linde-Preis (gemeinsam mit Kazimierz Brakoniecki) 2016
Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Belletristik“ 2015 für „Regentonnenvariationen“
Mörike-Preis der Stadt Fellbach 2015
Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2011
Friedrich-Hölderlin-Preis der Universität und der Universitätsstadt Tübingen 2011
Arno-Reinfrank-Literaturpreis 2006
Ernst-Meister-Preis 2005
Anna-Seghers-Preis 2004